Der Schrecken, der nicht enden will

Je intensiver wir uns mit dem Thema Perú beschäftigen, desto mehr Geschichten entdecken wir. Geschehnisse im Perú von heute, die symptomatisch für ein Land sind, das Jahrzehnte voller Wirren und der Gewalt erlebt hat, soziale Katastrophen und politisches Elend. Ein Land, das sich langsam erholt. Es gibt Hoffnung in Perú. Die Wirtschaft wächst, es gibt viele Modernisierungsprojekte, Versuche der politischen Versöhnung. Aber die Schatten der Vergangenheit sind lang.

Pechschwarze Schatten wirft bis heute die Aktionen und der Kampf gegen die maoistische Untergrundarmee Sendero Luminoso – „Leuchtender Pfad“. Der Tod in den Anden.

70.000 Opfer haben Terror und Gegenterror in den Jahren zwischen 1980 und 2000 gefordert, eine der schmerzlichsten Episode der peruanischen Geschichte, die erst mit der der Verhaftung des Sendero-Chefs Abimael Guzmán endete. Sendero wurde zerschlagen. Eine Teilamnestie für die Masse der Senderistas trug zur Befriedung bei, die führende Köpfe wanderten ins Gefängnis.

Der in diesen Tagen fällige, 20-jährige Jahrestag der Verhaftung von „Gonzalo“, Tarnname von Guzmán, rührt offenbar viele Emotionen auf. Unter anderem, weil Sendero nicht komplett verschwunden ist. Es gibt sogar eine Art Nachfolgeorganisation, die MOVADEF, die dem bewaffneten Kampf nur halbherzig abschwört. Auch propagandistisch handelt es sich bei dieser Gruppierung, die eine weitreichende Amnestie für alle Ex-Mitglieder von Sendero fordert und sich als Gefangenenhilfsorganisation betätigt, um Hardliner, denen die peruanische Regierung jetzt mit einer Art Gesetz gegen die Leugnung historischer Wahrheiten beikommen will, dem „Ley de Negacionismo“. Konkret geht es um die Verbrechen von Sendero, deren Leugnung strafbar werden soll.

Wie gespannt die Lage nach wie vor ist, zeigt ein Vorfall, der sich in einem der führenden politischen Wochenzeitungen findet: Caretas berichtet von der Verhaftung dreier Verdächtiger in Ancón, etwa 50 Kilometer nördlich der Hauptstadt Lima an der Pazifikküste gelegen.

Ancón ist ein Kaff. Eine staubige Kleinstadt. Aufgeschreckt durch mehrere Explosionen, begeben sich die Bewohner am frühen Morgen des 6. September zum Ort des Geschehens, einem Hochspannungsmast. Dort verscheuchen sie acht Personen, deren Verfolgung sie unmittelbar darauf aufnehmen. Letztlich schnappen sie drei, die ziemlich brisantes Material bei sich haben: Neben einer großen Menge Sprengstoff findet sich Waffen und hunderte Flugblätter der MOVADEF. Hier ein Video über die Verhaftung. Zu sehen ist, wie die drei Beschuldigten auf dem Hauptplatz in Ancón gnadenlos zur Schau gestellt werden. Bizarre Bilder.

Was bedeutet dieser Vorfall? Haben sich die Reste von Sendero neu formiert und versuchen nun das “pensamiento Gonzalo” – die wirre politische Philosophie des zu lebenslanger Haft verurteilten Guzmán – mit Gewalt in die Wirklichkeit umzusetzen? Das Magazin Caretas bezweifelt das. Nach deren Darstellung ist der Fall in Ancón komplizierter. Konkret soll es um ein Grundstücksgeschäft gehen. Offenbar hatte es MOVADEF auf mehrere Parzellen abgesehen, um sich in dem Ort einzuquartieren – in unmittelbarer Nähe zu der Justizanstalt, in der Osmán Morote Barrionuevo einsitzt, die ehemalige Nummer 2 von Sendero. Der kommt nächstes Jahr auf freien Fuß. Die Anwohner hatten dankend abgelehnt und MOVADEF wollte sich wohl für die Abfuhr rächen.

Aus der ganzen Berichterstattung wird klar, wie schwer sich die peruanische Gesellschaft bis heute mit diesem Abschnitt der peruanischen Geschichte tut. Wie hoch die Emotionen kochen, angeheizt durch die noch wachen Erinnerungen an jene schrecklichen Jahre. Schwer erträglich für das politische Klima scheint es, wenn ehemalige Massenmörder sich auf freiem Fuß befinden und versuchen, in der peruanischen Politik wieder eine Rolle zu spielen. Aber vielleicht ist die Gefahr konkreter. Diese Woche wurde im Amazonasgebiet in mehreren Provinzen der „Estado de Emergencia“ ausgerufen, eine Art Ausnahmezustand. Bedeutet: Sonderrechte für die Strafverfolgungsbehörden. Gejagt werden Drogenhändler, angeblich Anhänger von, natürlich, Sendero Luminoso.

Die Massenmorde, der Hass und das Misstrauen – so schnell will das Erbe von Sendero Luminoso nicht vergehen. Denn: die Ursachen, die untragbaren sozialen Missstände in den Andenprovinzen, die sind bis heute nicht verschwunden. Daran hat auch die wirtschaftliche Erholung der letzten Jahre rein gar nichts geändert.

[Update 18.09.2012]
Hier gibt es den kompletten Bericht der peruanischen Kommission für Wahrheit und Versöhnung – Comisión de Verdad y Reconciliación – über die Ereignisse.

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